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Willkommen auf dem Blog der Bücherei Alstaden

Die Katholische öffentliche Bücherei St. Antonius



ist die einzige öffentliche Bücherei im Ortsteil Alstaden von Oberhausen (Rheinland) mit etwa 22000 Einwohnern.

Wir geben hier Informationen zu unserer Bücherei, Termine und Buchtipps bekannt.

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Wir freuen uns über Ihr Interesse und hoffen, Sie bald in unserer Bücherei begrüßen zu können.
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1. Juli 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats JULI 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.



Im Sommer

 Wilhelm Busch

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht..
 



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2. Juni 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats JUNI 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.
Diesen Monat mit einer biografischen Notiz.



Zieh ein zu deinen Toren

 Paul Gerhardt, 1653

 1. Zieh ein zu deinen Toren,
 sei meines Herzens Gast,
 der du, da ich geboren,
 mich neu geboren hast,
 o hochgeliebter Geist
 des Vaters und des Sohnes,
 mit beiden gleichen Thrones,
 mit beiden gleich gepreist.

 2. Zieh ein, laß mich empfinden
 und schmecken deine Kraft,
 die Kraft, die uns von Sünden
 Hilf und Errettung schafft.
 Entsünd'ge meinen Sinn,
 daß ich mit reinem Geiste
 dir Ehr und Dienste leiste,
 die ich dir schuldig bin.

 3. Ich war ein wilder Reben,
 du hast mich gut gemacht;
 der Tod durchdrang mein Leben,
 du hast ihn umgebracht
 und in der Tauf erstickt
 als wie in einer Flute
 mit dessen Tod und Blute,
 der uns im Tod erquickt.

 4. Du bist das heilig Öle,
 dadurch gesalbet ist
 mein Leib und meine Seele
 dem Herren Jesus Christ
 zum wahren Eigentum,
 zum Priester und Propheten,
 zum König, den in Nöten
 Gott schützt vom Heiligtum.

 5. Du bist ein Geist, der lehret,
 wie man recht beten soll;
 dein Beten wird erhöret,
 dein Singen klinget wohl,
 es steigt zum Himmel an,
 es läßt nicht ab und dringet,
 bis der die Hilfe bringet,
 der allen helfen kann.

 6. Du bist ein Geist der Freuden,
 von Trauern hältst du nichts,
 erleuchtest uns im Leiden
 mit deines Trostes Licht.
 Ach ja, wie manches Mal
 hast du mit süßen Worten
 mir aufgetan die Pforten
 zum güldnen Freudensaal.

 7. Du bist ein Geist der Liebe,
 ein Freund der Freundlichkeit,
 willst nicht, daß uns betrübe
 Zorn, Zank, Haß, Neid und Streit.
 Der Feindschaft bist du feind,
 willst, daß durch Liebesflammen
 sich wieder tun zusammen,
 die voller Zwietracht seind.

 8. Du, Herr, hast selbst in Händen
 die ganze weite Welt,
 kannst Menschenherzen wenden,
 wie dir es wohlgefällt;
 so gib doch deine Gnad
 zu Fried und Liebesbanden,
 verknüpf in allen Landen,
 was sich getrennet hat.

 9. Erhebe dich und steu're
 dem Herzleid auf der Erd,
 bring wieder und erneu're
 die Wohlfahrt deiner Herd.
 Laß blühen wie zuvor
 die Länder, so verheeret,
 die Kirchen, so zerstöret
 durch Krieg und Feuerszorn.

 10. Beschirm die Obrigkeiten,
 richt auf des Rechtes Thron,
 steh treulich uns zur Seiten;
 schmück wie mit einer Kron
 die Alten mit Verstand,
 mit Frömmigkeit die Jugend,
 mit Gottesfurcht und Tugend
 das Volk im ganzen Land.

 11. Erfülle die Gemüter
 mit reiner Glaubenszier,
 die Häuser und die Güter
 mit Segen für und für.
 Vertreib den bösen Geist,
 der dir sich widersetzet
 und, was dein Herz ergötzet,
 aus unsern Herzen reißt.

 12. Gib Freudigkeit und Stärke,
 zu stehen in dem Streit,
 den Satans Reich und Werke
 uns täglich anerbeut.
 Hilf kämpfen ritterlich,
 damit wir überwinden
 und ja zum Dienst der Sünden
 kein Christ ergebe sich.

 13. Richt unser ganzes Leben
 allzeit nach deinem Sinn;
 und wenn wir's sollen geben
 ins Todes Rachen hin,
 wenn's mit uns hier wird aus,
 so hilf uns fröhlich sterben
 und nach dem Tod ererben
 des ewgen Lebens Haus.



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Biografische Notiz

Paul Gerhardt, vermutlich allen dem Namen nach bekannt,  hat über 100 Liedtexte geschrieben, von denen sich 26 im aktuellen Evangelischen Gesangbuch finden (das vorliegende unter Nr. 133).
Typisch für die Paul Gerhard Lieder ist zum einen, dass er den Inhalt immer in vielen, vielen Strophen ausführt und die unterschiedlichsten Facetten einer Sache bedenkt. Zum anderen die Zuversicht, die Glaubensstärke, die aus seinen Liedern spricht. 
Gerhardt, am 12. März 1607 in der kleinen kursächsischen Landstadt Gräfenhainichen geboren, hat den 30jährigen Krieg (1618-1648) wie persönliches Leid und Elend erfahren. Mit 12 stirbt sein Vater, die Mutter zwei Jahre später. Er studiert in Wittenberg ev. Theologie und wird Pfarrer. 1842, den durch den Krieg verödeten Städten und Ländereien zu entfliehen, geht er als Hauslehrer nach Berlin und findet dort in der Gastfamilie seine Braut. 1651 tritt er erneut eine Pfarrstelle an. Die fünf Kinder des Ehepaares sterben bis auf einen Sohn sämtlich in früher Kindheit. In Mittenwalde arbeitet er mit dem Kirchenmusiker Johann Crüger, später mit dessen Nachfolger Kantor Georg Ebeling  an seinen Liedern. 1657 wird er an die Nicolaikirche nach Berlin berufen, gerät aber mit dem Landesherrn, der den Lutheraner Gerhardt drängt, die evangelisch-reformierte Konfession anzunehmen, in Streit und wird 1666 entlassen. Nach 13 Ehejahren stirbt 1668 seine Frau mit 46 Jahren.  Am 27. Mai 1676 stirbt der Liederdichter in seiner letzten Pfarrstelle in Lübben als kaum bekannter Pfarrer.

Mit "Zeih ein zu deinen Toren" gibt Gerhardt in 13 Strophen ein Lob- und Preislied auf den Heiligen Geist. Er bittet ihn, lädt ihn ein, fordert ihn auf, dass er in unser Leben kommt und es verändert.

Helmut Krebs

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3. Mai 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats MAI 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.



Lyrisches Intermezzo

Im wunderschönen Monat Mai,
 Als alle Knospen sprangen,
 Da ist in meinem Herzen
 Die Liebe aufgegangen.

 Im wunderschönen Monat Mai,
 Als alle Vögel sangen,
 Da hab ich ihr gestanden
 Mein Sehnen und Verlangen.



Heinrich Heine
(Buch der Lieder, 1827)

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1. April 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats APRIL 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.



Der alte Narr

Ein Künstler auf dem hohen Seil,
Der alt geworden mittlerweil,
Stieg eines Tages vom Gerüst
Und sprach: Nun will ich unten bleiben
Und nur noch Hausgymnastik treiben,
Was zur Verdauung nötig ist.

Da riefen alle: Oh, wie schad!
Der Meister scheint doch allnachgrad
Zu schwach und steif zum Seilbesteigen!

Ha! denkt er. Dieses wird sich zeigen!
Und richtig, eh der Markt geschlossen,
Treibt er aufs neu die alten Possen
Hoch in der Luft und zwar mit Glück,
Bis auf ein kleines Mißgeschick.

Er fiel herab in großer Eile
Und knickte sich die Wirbelsäule.

Der alte Narr! Jetzt bleibt er krumm!
So äußert sich das Publikum.

Wilhelm Busch

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1. März 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats MÄRZ 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.



März


Im Märzen der Bauer
die Rößlein einspannt
Er setzt seine Felder
und Wiesen in Stand.
Er pflüget den Boden
er egget und sät
und rührt seine Hände
früh morgens und spät

Die Bäu´rin, die Mägde
sie dürfen nicht ruh´n
sie haben in Haus
und Garten zu tun.
Sie graben und rechen
und singen ein Lied
sie freu´n sich, wenn alles
schön grünet und blüht.

So geht unter Arbeit
das Frühjahr vorbei
Da erntet der Bauer
das duftende Heu
Er mäht das Getreide
dann drischt er es aus
Im Winter da gibt es
manch fröhlichen Schmaus

 
 
deutsches Volkslied
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Noten zum Lied finden sich unter
http://www.mamas-truhe.de/lieder/im-marzen-der-bauer.html

Eine andere Variante dieses Liedes lautet:


1. Im Märzen der Bauer
Die Rößlein einspannt;
Er pfleget und pflanzet
All' Bäume und Land.
Er akkert, er egget,
Er pflüget und sät
Und regt seine Hände
Gar früh und noch spät.

a. Den Rechen, den Spaten,
Den nimmt er zur Hand
Und ebnet die Äcker
Und Wiesen im Land.
Auch pfropft er die Bäume
Mit edlerem Reis
Und spart weder Arbeit
Noch Mühe und Fleiß.

2. Die Knechte und Mägde
Und all sein Gesind,
Das regt und bewegt sich
Wie er so geschwind.
Sie singen manch munteres,
Fröhliches Lied
Und freu'n sich von Herzen,
Wenn alles schön blüht.

3. Und ist dann der Frühling
Und Sommer vorbei,
So füllet die Scheuer
Der Herbst wieder neu.
Und ist voll die Scheuer,
Voll Keller und Haus,
Dann gibt's auch im Winter
Manch fröhlichen Schmaus.

Quelle: http://ingeb.org/Lieder/ImMarzen.html
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1. Februar 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats FEBRUAR 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.



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(1885)
Februar


Im Winde wehn die Lindenzweige,

Von roten Knospen übersäumt;

Die Wiegen sind's, worin der Frühling

Die schlimme Winterzeit verträumt.

 

 
Theodor Storm (aus: Gedichte, Bd. 1. 1885)
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(1885)
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10. Januar 2011

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats JANUAR 2011
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Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

In diesem Monat mit einem zeitgenössichem Gedicht, dem auch ein Kommentar beigegeben ist.


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Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.
         
Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

„Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.“

 
Theodor Fontane (1819-1898)
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Kommentar

Theodor Fontane verfasste das Gedicht im Jahre 1859. Seinen Ton erkennt man gleich. Aber es ist doch ein kunstloses Gedicht, eher wie ein paar Merkverse, ein bißchen ausgeschmückt, damit man diesen geschichtlichen Vorgang weitersagen kann und ihn nicht vergißt.

Fontane griff mit seinen Versen eine Tragödie am Ende des I. Anglo-afghanischen Kriegs (1839-1842) auf: Der britische General Elphinstone war unter Zusicherung freien Geleits mit rund 5000 Soldaten und ihren teilweise am Feldzug beteiligten Familien sowie einem riesigen Troß aus dem belagerten Kabul aufgebrochen, um sich nach Dschalalabad durchzuschlagen – insgesamt waren rund 13 000 Leute unterwegs. Die Kolonen wurden allerdings unentwegt angegriffen und letztlich in der Khurd-Kabul-Schlucht nahe Kabul vollständig aufgerieben. Nur der Feldarzt Dr. William Brydon erreichte mit seinem Pferd die Garnison in Dschalalabad.

Fontane war seit 1857 als Auslandskorrespondent für verschiedene deutsche Zeitungen in London tätig und beschäftigte sich dabei mit der britischen Kolonialgeschichte. Die Niederlage von 1842 hatte aus dem „Großen Spiel“ (dem geoipolitischen Ringen zwischen Rußland und Großbritannien) ein „Trauerspiel“ werden lassen – es war die erste große Niederlage der britischen Kolonialgeschichte und eine Demütigung vor der ganzen Welt.
(Quelle: http://www.sezession.de/22403/das-januar-gedicht-fontane-seltsam.html )

Fontane kam nie nach Afghanistan. Wir sind nun gespannt, ob uns eine zeitgenössische deutsche Poetenseele, oder auch ein Soldat der Bundeswehr mit lyrisch gegossenen Worten Kriegserlebnisse aus diesem fernen, auch von Deutschen geführten Krieg näherbringt.

H. Krebs
Mit Dank an Götz Kubitschek

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1. Dezember 2010

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats DEZEMBER 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.


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Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin - bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

 

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)
 


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2. November 2010

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats NOVEMBER 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats. Diesen Monat wieder mit kurzem Kommentar.


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November


Es kommt eine Zeit,
da lassen die Bäume
ihre Blätter fallen.
Die Häuser rücken enger zusammen.
Aus dem Schornstein kommt Rauch.
 
Es kommt eine Zeit,
da werden die Tage klein
und die Nächte groß,
und jeder Abend hat
einen schönen Namen.
 
Einer heißt Hänsel und Gretel.
Einer heißt Schneewittchen.
Einer heißt Rumpelstilzchen.
Einer heißt Katherlieschen.
Einer heißt Hans im Glück.
Einer heißt Sterntaler.

Auf der Fensterbank
im Dunkeln,
daß ihn keiner sieht,
sitzt ein kleiner Stern
und hört zu.

Elisabeth Borchers

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Kommentar

Elisabeth Borchers wurde 1926 in Homberg geboren, also gleich in unserer Nachbarschaft.
Sie verfaßt Gedichte und schreibt Kinderbücher, ist Mitglied im deutschen PEN-Zentrum und ihre Texte sind in vielen Lesebüchern vertreten.

Mit dem Novembergedicht geht die Aufmerksamkeit des Lesers vom Häuslichen und Irdischen (erste Strophe) weg in die Weite der Nacht und des Sternenhimmels. Diese Bewegung, zunächst im Naturbild gehalten, wird sodann beschrieben wie ein Atmen in der Kälte (die Tage klein, die Nächte groß, Häuser rücken zusammen -> es dringt Rauch aus dem Schornstein).
In der dritten Strophe werden Märchen beschworen. Zur lyrischen Wirkung bedarf es nichts weiter, als der Aufzählung.
Dann sitzt, wie eine Spiegelung vom großen Träumen im nächtlichen Himmel, unbemerkt ("im Dunkeln"), "auf der Fensterbank" ein Zuhörer. Dieser "kleine Stern" kann jeder Leser sein, der sich auf die berührende und kindheitsgebundene Sprechweise der Lyrikerin einlässt. Wer nicht geweckt wird, aus diesem sternenversunkenen November, sitzt immer noch so, dass er ungesehen bleibt, "und hört zu".

Helmut Krebs, M.A.





1. Oktober 2010

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats OKTOBER 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.


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Oktobersturm

Christian Morgenstern




Schwankende Bäume
im Abendrot  -
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod  -

Blättergeplauder  -
wirbelnder Hauf  -
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.



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4. September 2010

Gedicht des Monats SEPTEMBER 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

Zum Verständnis ist ein Kommentar beigefügt.


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An eine Äolsharfe

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herueber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch gruenendem Huegel.
Und Fruehlingsblueten unterweges streifend,
Uebersaettigt mit Wohlgeruechen,
Wie suess bedraengt ihr dies Herz!
Und saeuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstoesst,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu suessem Erschrecken,
Meiner Seele ploetzliche Regung;
Und hier - die volle Rose streut, geschuettelt,
All ihre Blaetter vor meine Fuesse!


Eduard Mörike

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Über das Gedicht "An eine Äolsharfe" von Eduard Mörike

Der schwäbische Dichter Eduard Mörike lebte von 1804 bis 1875. Als evangelischer Pfarrerssohn und seit 1834 selbst mit einer Pfarrstelle versehen, hatte er eine noch klassische humanistische Bildung genossen. Daher bestimmen Motive und Rhythmen aus der antiken Lyrik sein poetisches Schaffen.
Im Zeitalter der Romantik, wo die Dichtung der Musik und Natur ebenso viel abzulauschen trachtete als den klassischen Vorbildern, wird auch die Äolsharfe beliebt. Sie ist ein Saiteninstrument, das durch den freien Strom der Luft erklingt. In Bäumen, an Fenstern oder anderen lufigen Orten findet sich dies Instrument. Ihr Klang ist ebenso zart wie erdenfern - ätherisch wurde solch eine Empfindung genannt. Da hier Musik nicht von Menschenhand und Menschenatem erzeugt, sondern aus dem Wehen der Natur entsteht, ist die Äolsharfe Sinnbild eines göttlichen Lautes und Atmens.

Zu Beginn wird der Grundton des Instruments, und damit des Gedichts angezeigt: "Fange wieder an / Deine melodische Klage!" Mörike bindet die Anrufung dieses Klanges an Geruchs- und Sehempfindung. In der Mitte des dreistrophigen, reimlosen Gedichts steht die Zeile "Uebersaettigt mit Wohlgeruechen".
Daneben die Bilder des "Frisch gruenende Huegel" und der sich entblätternden Rose.
Das zentrale Motiv des Gedichts ist die Trauer und ein süß empfundener Schmerz. Alle Sinnesempfindungen und alle entfernten Pole des Elegischen sind versammelt: Stille und Schrei, frisch grünend / Frühling und abgelebt herbstlich, Süßigkeit und Bitterkeit, alt (Terrasse) und jung (Knabe), Sehnsucht und Erschrecken, Efeu und Rose. Darin mischt Mörike mit meisterlichem Geschick ebenso Klage und Betrachtung wie die antike Form der Elegie mit romantischen Empfindungen.
Die Winde bedrängen süß das Herz. Sie kommen dem Dichter vom Grabhügel eines Knaben herüber. Sie wurden "Angezogen von wohllautender Wehmut", also offenbar durch das elegische Wort des Dichters - er hat sie gerufen, wie er die Äolsharfe anruft und das Wiederbeginnen ihres Klangs beschwört. Dichterstimme und Windes-Äolsklang tönen so zusammen, "Wachsend im Zug meiner Sehnsucht, / Und hinsterbend wieder".
Mit der dritten Strophe wird dieser quasi "Naturprozess" der Klage abgebrochen. Ein heftiger Windstoß erregt die Harfe/das Herz - ein Schrei, der als Wiederholung der plötzlichen Seelenregung begriffen ist. Das An- und Abschwellen des Tons erfährt nun ein Ende, mündet in ein Stillleben: die "volle Rose", welche "all ihre Blätter vor meine Füße streut". Zu Füßen liegende Blütenblätter als Zeichen der Blütenfülle, die Rose, die den Efeu der ersten Zeile ablöst, als Zeichen der Liebe. Während der Efeu von je ein Trauergewächs und Sinnbild von Ewigkeit und Weltabschied ist, steht die Rose für eine Weltenfülle und vollen Lebensgenuss. In den letzten Zeilen ist sie bei Mörike jedoch paradox verwendet: sowohl als "volle Rose" bezeichnet als auch zum Bild der vor die Füße gestreuten Blätter zugleich leblos, abgelebt gezeichnet. Mit dieser Schlussstrophe wird die den klassisch antiken Topoi der Elegie verpflichteten Form (Efeu, Hügel, Knabe, fernes Wehen des Windes etc.) in ein romantisches Bild gewendet. Wir könnten uns denken, Mörikes Jugend selbst wird hier betrauert, als auch die Liebes- und Lebenskraft, die in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts so hart umkämpft und von politischen Verhältnissen oft gedämpft und abgetötet wurde. Verfasst Mörike hier also einen Abgesang auf das schöne Glück privater Existenz?
Mörikes Vorbild Horaz, dessen lateinische Verse aus eine Ode er vorangestellt hat, preist nun gerade in jener Ode die von Augustus befriedete Welt. Mörike, der noch bis in die Nachkriegszeit als Typus des biedermeierlich verträumten Poeten gesehen wurde, hat - auch nach neuerer Forschung - mehr mit romantische Ironie und Zeitgeschichte zu tun, als uns die Schulweisheit träumen machen wollte. Dennoch achten viele Leser weiterhin auf die leisen Töne, auf die Klage der Äolsharfe und erfreuen sich des Klangs und der schwebenden Sprachkraft dieses Dichters, "übersättigt mit Wohlgerüchen".

Tu semper urges flebilibus modis
Mysten ademptum: nec tibi Vespero
Surgente decedunt amores,
Nec rapidum fugiente Solem.
(Horaz, Oden II.9, v9-12)


Helmut Krebs, M.A.




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2. Juli 2010

Gedicht des Monats August

Gedicht des Monats AUGUST 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

Zum Verständnis ist ein Kommentar beigefügt.


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Am 5. August

Trag nun ihren Ring am Finger,
ihren Ring, am Finger nun!
Fühl beglückt auf meinen Lippen
ihre warmen Lippen ruhn.

Oh, wie süß ist es, zu küssen
ihren holden roten Mund,
süßer wohl als alle Süße
auf dem weiten Erdenrund!

Küß mich! ... Mögen's alle sehen,
saug an meinem Mund dich fest!
Recht ist's, daß sich die Verlobte
vom Verlobten küssen läßt!

Deine Augen, Stirn und Wangen,
nicht die Lippen nur allein
laß mich küssen, wie den Himmel
küßt der Morgenröte Schein.

Halte mich in deinen Armen!
Ach, ich taumle, stürze hin,
weiß nicht, ob von deinen Küssen,
ob vom Wein ich trunken bin.

Deine Küsse sind wie Nektar,
so berauschend wie der Wein,
der selbst Götter trunken machte!
Sollt ich da nicht trunken sein?

Liebesrausch hat meine Sinne
ganz verwirrt, den Göttern gleich
steige ich, entrückt der Erde,
auf in aller Seligen Reich.

Schwebe über bunter Wolken
Wandrerheeren hoch im All
zwischen Sternen, jeder singt mir
zu wie eine Nachtigall.

Ja, sie singen nie gehörte
holde Sphärenlieder mir!
Licht wie hunderttausend Blitze
blendet meine Augen schier.

Doch mein Herz, es pocht wie rasend!
So viel Glück erträgt es nicht!
Mann, gib acht, daß es dir plötzlich
nicht vor lauter Freude bricht!

Sandor Petöfi

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Über den Autor Sandor Petöfi

Wenn wir in diesem Jahr dem 200. Geburtstag Frédéric Chopins gedenken, so steht im
Umkreis des Nationalismus und Freiheitsstrebens eines anderen osteuropäischen Volkes jener
bewegenden Zeit der Dichter Sandor Petöfi. Nach dem Wiener Kongress begehrten viele
Völker ihre Freiheit. Und nach den Polen, die bereits 1830 den Aufstand gegen russische
Vorherrschaft wagten, gingen 1848 ungarische Freiheitskämpfer gegen Österreichs
Vorherrschaft und gegen den Absulotismus vor.

Der 1823 in Kiskorös geborene, aus einer slowakischen Familie stammende Sandor Petöfi ergriff seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn
vehement für einen unabhängigen ungarischen Nationalstaat Partei und wurde zu einem der führenden Köpfe im Aufstand von 1848.

Nach dem Abitur schloss er sich einer Theatergruppe an, war kurzzeitig Soldat und veröffentlichte seit 1842 Gedichte, die bald in ganz Ungarn populär wurden.
Sein Engagement für die Sache der Ungarn endete in einem wahren „Heldentod". Als Hauptmann der ungarischen Truppen gilt er seit der Schlacht bei Schäßburg (Sighisoara) am
31. Juli 1849 als vermisst.
Als der bekannteste ungarische Lyriker erschienen seine Gedichte bereits im 19. Jahrhundert
in zahlreichen deutschen Übersetzungen.

Eine Auswahl seiner Gedichte in deutscher Übersetzung gibt es unter:
http://mek.oszk.hu/01000/01008/



Helmut Krebs, M.A.




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Gedicht des Monats

Gedicht des Monats JULI 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.


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Still ruht die Stadt

Erich Kästner



Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her,
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die künftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluß des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.



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1. Juni 2010

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats JUNI 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

Da afrikanische Lyrik für naturgemäß in mehrern Sprachen siedelt die Muttersprache des Dichters, eine englische oder französische Übersetzung oder literatursprachliche Form, die sich also der Sprachen der Kolonialherren bedient, und die Übersetzung ins Deutsche, geben wir hier auch den englischen Text des Gedichts. 
Zum Verständnis ist ein Kommentar beigefügt.


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Benin

Moru Yesufu-Giwa



Vorbei. Noch gestern
gekrönter Könige Paläste,
heut schläft ein Chaos lehm'ger Reste
im Abgrund.
Ohne Brandung.

Das ist Benin. Mächtig einst,
schöne rote Stadt;
mit alter Majestät gekrönt;
schön an den Abhang hingeehnt,
der Ruhm von Oguala.

Ich denke ihrer oft
und ihrer edlen Söhne Schar.
Sie stieg anmutig, wunderbar
in die bewölkte Höhe.
Benin in Glanz und Größe.

Vorbei. Noch gestern
gekrönter Könige Paläste
- heut schläft ein Chaos lehm'ger Reste
im Abgrund.
Ohne Brandung.

(Übersetzung von Janheinz Jahn, in: Schwarzer Orpheus, Fischer Bücherei 1960
nach: Palabras escitas en la arena por un inocente)

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Die englische Originalfassung lautet:

Once Fair City
Moru Yesufu-Giwa

'Tis done - but yesterday,
The palaces of crowned kings;
And now a chaos of hard clay:
Sleeping on the abyss.
Without a surge.

'Tis Benin, Oh! Benin - the might of yore,
A fair red City;
Crowned with ancient majesty:
Gracefully reclining,
Down the slopes o Oguola fame.

That City I oft remember,
With gallant sons all in array;
Rising in clouded majesty:
Such graceful grandeur clothed the City,
Of Benin - with radiant spendour.

'Tis done - but yesterday,
The palaces of crowned kings;
And now a chaos of hard clay:
Sleeping on the abyss,
Without a surge.

(aus: Isidore Okpewho, Once upon a kingdom. myth, hegemony, and identity, Indiana University Press 1998)


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Kommentar:

1.  Der Autor und sein Übersetzer

Moru Yesufu-Giwa wurde vor 1935 in Nigeria geboren. Mehr war nicht über den Autor zu ermitteln.
Seinem deutschen Übersetzer, der 1973 gestorbene Journalist und Afrika-Kenner Janheinz Jahn, kommt die Ehre zu, in der Bundesrepublik seit Ende der 1950er Jahre afrikanische Literatur und Lyrik durch Übersetzungen zugänglich gemacht zu haben.
1970 erhielt er den Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine seine „Geschichte der Neoafrikanischen Literatur" (1966) und „Die Neoafrikänische Literatur — Gesamtbibliographie von den Anfängen bis zur Gegenwart" (1965) sind Standardwerke der deutschsprachigen Afrikaliteratur.

2.  Das Gedicht

Historischer Hintergrund: Das historische Benin, von dem Yesufu-Giwa spricht, reichte über die Grenzen des heutigen afrikanischen Staates hinaus bis Nigeria. Es gilt als größtes der afrikanischen Königreich aus vorkolonialer Zeit. Seine Hauptstadt, die "City" (stets groß geschrieben, sic!) war Abomey, in der von 1645 bis 1892 nachweislich 12 Könige regierten. Das Königreich selbst gilt als viel älter. Vom Reichtum und der Kunstfertigkeit dieser Kultur zeugen heute Exponate in den Völkerkundemuseen der Welt (z.B. Berlin).
Der erwähnte Oguala war fünfter König in Benin. Nach der Wiedererrichtung des Königreichs um 1170 regierte er um 1280 herum. Unter ihm soll die Kunst der Bronzebearbeitung entwickelt worden sein, die zu einer Hochblüte der alten Benin-Kultur führte.
Der Autor gehört zu einer Generation, die das Verschwinden der alten Hochkultur noch deutlich verspürt haben. Das seiner vermutlich westlich geprägten Erziehung gemäß elegisch gefärbte Gedicht ist  ein gutes Beispiel, wie Erinnerung an nationales Erbe in einer von den Kolonialherren übernommenen Form funktioniert.
Die "rote Stadt" deutet auf das auch heute noch verwendete Baumaterial, den rötlichen Lehm der Region.

Form: Umrahmt von der fast identischen Anfangs- und Schlussstrophe sind zwei gleich lange Strophen. In allen vieren ist das "T" der Anlaut, die Wiederholung und Statuarik der Verse deutlich im Zeigefinger-Gestus einer Beschreibung gehalen. Mit der Beschreibung von Größe und Glanz als vergangenem, die vom lyrischen Ich betrauert werden, reiht sich das Gedicht in die Form einer Elegie ein.
Die Reimform ist dem deutschen Übersetzer zuschulden. Das englische Original wirkt frischer und weniger geziert.

Deutung: Der Ruhm Benins kann sich messen an dem sämtlicher Hochkulturen. Der lyrische Sprecher (das "ich" im Gedicht) ist Zeuge dafür. Einerseits kennt er seine Heimat, das alte Benin. Andererseits versteht er in der westlichen Sprache und den westlich geprägten Literaturformen sich auszudrücken und kann daher den Kulturbegriff, wie er als abendländisch geprägter auch in Afrika Geltung erlangt hat, auf die eigene Geschichte anwenden. Dazu gehört auch der trauernde, elegische Tonfall. Wir haben es ja mit einem Ruinengedicht zu tun.
Der heutigen Stadt Abomey (Hauptstadt Benins, des früheren Königreichs Dahomey) kann der Autor keine Schönheit entlocken, die nicht die des Vergangenen ist. "Ein Haufen Lehm", das Chaos der afrikanischen Städte mit Abfall, Wildwuchs an primitiven Hütten und Häusern. Mit der Erwähnung der "bewölkten Höhe" wird zudem die Assoziation an den Turm von Babel aufgerufen und das vergangene Benin erscheint gar an der eigenen Überheblichkeit zugrunde gegangen. Dieser Selbstvorwurf ist späteren afrikanischen Dichtern suspekt und fremd geworden.


Helmut Krebs, M.A.




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1. Mai 2010

Gedichte des Monats

Gedicht des Monats MAI 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

In diesem Monat gibt's gleich zwei Gedichte und gar mit Kommentar:


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Mailied
Clemens Brentano

Im Maien im Maien ists lieblich und schön,
Da finden sich viel Kurzweil und Wonn';
Frau Nachtigall singet,
Die Lerche sich schwinget
Über Berg und über Thal.

Die Pforten der Erde, die schließen sich auf,
Und lassen so manches Blümlein herauf,
Als Lilien und Rosen,
Violen, Zeitlosen,
Cypressen und auch Nägelein.

In solchen wohlriechenden Blümlein zart,
Spazieret eine Jungfrau von edeler Art;
Sie windet und bindet,
Gar zierlich und fein,
Ihrem Herzallerliebsten ein Kränzelein.

Da herzt man, da scherzt man, da freuet man sich,
Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich;
Da klaget ein Liebchen
Dem andern sein' Noth,
Da küßt man so manches Mündlein roth.

Ach Scheiden, ach Scheiden, du schneidendes Schwerdt,
Du hast mir mein junges frisch Herzlein verkehrt.
Wiederkommen macht,
Daß man Scheiden nicht acht't;
Ade, zu tausend guter Nacht.

Im Maien, im Maien, da freuet man sich,
Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich,
Da kommet so manches
Liebchen zusammen;
Ade, in tausend Gottes Namen.

(aus: Des Knaben Wunderhorn)
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Mailied
Johann Wolfgang von Goethe

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!


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Kommentar:

1.  Der Autor Brentano

Clemens Brentano ist Kind des Rheinlandes. Er wurde am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein (Koblenz) geboren und wuchs in Frankfurt, Heidelberg und Mannheim zum  Mann heran. In seine Familie gehören berühmte Autorinnen wie Sophie von La Roche (die Großmutter) und seine Schwester Bettina, die Achim von Arnim heiratete.
Brentano, der in Göttingen Philosophie studierte, war sein Leben lang ein Verehrer der Jungfrau Maria, deren Namen er gern als sein Pseudonym benutzte und er auch öfter Mariä Geburt, also den 8. September als seinen Gebutstag angab.
Er heiratete die Schriftstellerin Sophie Mereau und zieht mit ihr 1804 nach Heidelberg. Hier entsteht die zusammen mit Achim von Arnim angelegte Sammlung von Volksliedern, gefasst in dichterische, eigene Worte "Des Knaben Wunderhorn".
Nach wechselnden Wohnorten, etwa Berlin, Frankfurt und München, stirbt Brentano am 28. Juli 1842 im Haus seines Bruders Christian, der den von Schwermut umfangenen aufgenommen hatte.
Zu Brentanos wichtigsten Werken gehört, neben "Des Knaben Wunderhorn" eine Reihe von Gedichten sowie die italienischen Märchen, unter denen Gockel, Hinkel und Gackeleia (1838) das bekannteste ist.

2.  Die Gedichte

BRENTANO - Das Erscheinen der wohl wichtigsten deutschen Volksliedsammlung künstlerischer Prägung, "Des Knaben Wunderhorn" (3 Bde. zwischen 1805 und 1808) gab Anlass zu einem Streit unter den Romantikern über "dichterische" oder "naiv, wahrhafte" Volksliedtexte. Während Achim von Arnim für eine Bearbeitung und poetische Anverwandlung des Volksliedes durch den Dichter eintrat, ergriffen etwa die Brüder Grimm für die rohere, "naive" Form des vorgefundenen Volksliedes Partei. In der Sammlung Brentanos finden sich in kaum unterscheidbaren Nuancen und Stimmungen beide Formen der Volksliedüberlieferung/bearbeitung.
Das sechsstrophige Mailied Brentanos beginnt mit den Tönen und Bewegungen der Vögel, tritt gewissermaßen durch die aufgeschlossenen Pforten der Erde unter die Blumen und begegnet dort der "Jungfrau edeler Art". Hier wendet sich das dichterische, volkstümliche Ich in ein allgemeines "man", dass dem Wonnemonat Mai mit Scherz und Küssen huldigt. Strophe 5 jedoch bringt eine Peripetie mit Erwähnen des "schneidenden Schwerts". Aus dem Vogel-Blumen-Liebesreigen muss geschieden sein. Das dichterische Ich tritt nun aus dem Volkston, aus dem unpersönlichen "man" heraus und bekennt sich als junges, aber bereits "verkehrtes" (i.S. verletztes, nicht mehr allein sich gehörendes) Herz. Die folgenden Verse gehören wohl zum Anrührendsten dieser Poesie:
"Wiederkommen macht,
Daß man Scheiden nicht acht't;
Ade, zu tausend guter Nacht."
Da weht bereits die spätromantische Todverhangenheit, zugleich die Verdammnis der Wiederholung heran. Um das bittere Scheiden (das Aus-der-Welt-Scheiden, dem der Abschied vom Mai vorausgeht) zu vergessen, geht es in die Wiederholung, ins Wiederkommen: Jedes neue Jahr bringt einen neuen Frühling ... Und noch das "Gute Nacht" will tausendmal gesagt sein, weil der Mensch sich nicht scheiden mag vom Tag, vom Leben.
Als Resümee dieser Empfindungen tritt die Schlussstrophe an, kehrt in das unpersönliche "man" zurück und erinnert noch einmal an die Liebesverbindungen der Menschen.

GOETHE - Goethes strenger formorientiertes, neunstrophiges Mailied, 1771 entstanden, ist ein scheinbar ungetrübtes, ganz der Wonnekraft des Monats hingegebenes Liebeslied. Man beachte allein die Reimpaare, in deren Mitte das "dich-mich" steht:
Wonne - Sonne, schön - Höhn, Feld - Welt,
dich - mich,
Luft - Duft, Blut - Mut, gibst - liebst
Auch Goethe beginnt mit der Natur - aber sogleich als Anruf, wo Brentanos Lied eher beschreibend vorgeht. Das Rufen ist weiterhin der vorherrschende Redegestus bei Goethe (acht Ausrufezeichen!). Die Lerche ist beiden Dichtern ein Maienvogel. Für Brentano nimmt sie aber eine eher konventionelle Rolle ein, während sie bei Goethe das dichterische Ich spiegelt, liebt "wie ich dich liebe". In dieser stark Sturm-und-Drang geprägten Poesie ist eben alle Natur Ausdruck des Ich, des dichterischen Subjekts und seiner subjektiven Gefühle. Die Angebete bleibt gesichts- und namenlos, ja erscheint eher als Anlass der Wonnebeglückung des Dichters als einer realen Situation, wie noch dem Maientanz und Küssen bei Brentano, gemäß. So endet Goethe auch mit dem Anruf dieser Muse, die ewig glücklich sei, "wie du mich liebst". Hier herrscht also ein ungebrochener Morgen ("Morgenwolken, Morgenblumen"), "die volle Welt" und das dichterische Ich als ihr Mittelpunkt. Kein Erinnern ans Scheiden, oder gar Andeutung von Lebensabschied wie bei Brentano.

So stehen sich in den beiden Mailiedern zwei sehr unterschiedliche Charaktere gegenüber: ein religiös geprägter Dichter, dessen Wissen um die Transzendenz des Lebens hin auf den "Gottes Namen" (letzte Worte des Brentanoschen Mailieds) die Betrachung des Maientreibens durchzieht, und ein sich weltlich gebender, jubelnd den Höhenflug eines liebenden Subjekts genießender Dichter.
Letzterer ist freilich nicht so ganz immanent, wie die sich übersteigernde Form und Reihung der Nomina anzeigt. Brentano aber ist dann auch nicht so vollkommen losgelöst, als er nicht die Wiederkehr des Mai, das Schicksal des Liebens und Scheidens auskosten würde.

Helmut Krebs, M.A.




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11. April 2010

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats APRIL 2010

Das  Gedicht des Monats soll anregen, laut zu lesen und am besten auswendig zu lernen.
Jeden Monat stellen wir ein Gedicht vor, passend zur Jahreszeit oder Ereignissen des Monats.

In diesem Monat gibt's das Gedicht gar mit Kommentar:

T.S. Elliot: aus "The Waste Land"
Deutsch von Norbert Hummelt

April ist der übelste Monat von allen, treibt
Flieder aus der toten Erde, mischt
Erinnerung mit Lust, schreckt
Spröde Wurzel auf mit Frühlingsregen.
Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte
Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte
Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.
Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See
Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,
Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten
Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.

Hier ist kein Wasser sondern nur Fels
Fels und kein Wasser und die sandige Straße
Die Straße windet sich hoch in die Berge
Die Felsgebirge ohne Wasser sind
Wäre hier Wasser könnten wir halten und trinken
Man kann in den Felsen nicht halten noch denken
...
Nicht einmal Stille ist in den Bergen
Nur trockner unfruchtbarer Donner ohne Regen
Nicht einmal Einsamkeit ist in den Bergen
Nur rote mürrische Gesichter höhnen und spotten
Aus Türen rissiger Lehmhäuser


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Kommentar:

1.  Autor und Gedicht

Thomas Stearns Eliot (* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, USA; † 4. Januar 1965 in London) war ein englischsprachiger Lyriker, Dramatiker und Kritiker, der als einer der bedeutendsten Vertreter der literarischen Moderne gilt. Im Jahr 1948 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. 1927 erwarb er die britische Staatsbürgerschaft
Seine Lyrik gilt als enigmatisch und zugleich als ein Höhepunkt der westlichen Literaturgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das Versepos The Waste Land (Das wüste Land) erschien 1939 und gilt als ein Hauptwerk.
Eliot betrachtete Literatur als Möglichkeit, in der chaotischen Wirklichkeit eine Ordnung aufzudecken und damit direkten Einfluss auf das individuelle Leben zu nehmen. Seine Denkweise war von Buddhismus, antiker Philosophie und christlichem Mystizismus beeinflusst. Er selbst übte einen starken Einfluss auf einige bedeutende spätere Denkströmungen aus, darunter den Existenzialismus.

"Das öde Land" ist eine zugleich ungeheuer vieldeutige und vielsagende Versdichtung. Sie spricht über die Umwälzungen eines neuen Jahrhunderts mitsamt den dadurch verursachten Schrecken; sie schlug frische, ungekannte Töne an; und sie besitzt jene geniale, magische Aussagekraft, durch die sich ein Mixtum compositum aus subjektiven Empfindungen, beklemmenden Szenen, Beobachtungen und erlesenen wie populären Zitaten unmittelbar als große poetische Reflexion über die Epoche darstellt.
Verschiedene Kritiker haben mir die Ehre angetan, das Gedicht als Kritik an der Gegenwart zu interpretieren, und haben sogar eine gehörige Portion Gesellschaftskritik hineingelesen. Für mich war es nur das Ventil für einen privaten und ganz belanglosen Grant gegen das Leben; es ist lediglich ein Stück rhythmischer Quengelei. [Vorwort Faksimile-Ausgabe, 1971]
T. S. Eliot liebte solche mal ironischen, mal sarkastischen Distanzierungen, wenn man ihm zu nah oder zu simpel auf den Leib rückte. Trotzdem steckt darin ein Stück Wahrheit. Denn tatsächlich stand am Anfang des Stücks Weltliteratur, zu dem "The Waste Land" wurde, ein geballtes Quantum von privatem Ungemach. Eliot litt an Kopfschmerzen, Erschöpfungszuständen, Angst- und Unruhegefühlen; er hatte Ärger mit der Einkommensteuer, seine Frau krankte dauerhaft an Körper und Seele; Freunde konstatierten ein "sehr trauriges und elendes Aussehen", sein Arzt diagnostizierte eine nervöse Störung, schließlich war sogar von Nervenzusammenbruch die Rede. Und auch die allgemeine Lage ließ 1921 sehr zu wünschen übrig. Eliots Biograph Peter Ackroyd berichtet:

Das Jahr, in dem Das wüste Land geschrieben wurde, war ein Jahr schlimmster politischer und wirtschaftlicher Unzufriedenheit: Der Nachkriegsboom war zusammengebrochen, es gab zwei Millionen Arbeitslose, und das Wirtschaftschaos wurde noch durch die Unentschlossenheit der Koalitionsregierung verschärft. Eliot verachtete die Demokratie und mit starken Worten beschrieb er die Hass- und Abscheugefühle, die die Zeitsituation in ihm erweckte.
Außerdem brachte der Sommer große Hitze und regenlose Dürre, ganz zu schweigen von einer Grippe, die den Mund austrocknete und mit bitterem Geschmack erfüllte.
"Diese Symptome stehen in auffälliger Übereinstimmung mit dem Zustand und der Thematik des literarischen Projekts, mit dem sich Eliot das ganze Jahr abmühte", schreibt Norbert Hummelt im Nachwort zu seiner Neuübersetzung. Es ist wahr: Eliot musste nicht weit gehen, um aus dem Krisengebiet seines privaten Lebens auf den unwirtlichen Boden des 20. Jahrhunderts zu gelangen, das gerade erst ein höchst brutales Gesicht gezeigt hatte. Der Erste Weltkrieg, Umwälzungen und Revolutionen hatten das Krisengefühl der Moderne zugespitzt. Und Eliot persönlich erging es wie dem Jahrhundert: Noch war er jung und doch schon von Katastrophen zermürbt. Es hat also einiges für sich, wenn Norbert Hummelt "The Waste Land" charakterisiert als "ein Hoheslied der Bitternis, mit trockener Kehle verfasst".
So gesehen wird auch leicht begreiflich, warum in den berühmten ersten Versen ausgerechnet der April, der ja das Frühlingserwachen einleitet, so schlecht abschneidet. In Eliots Augen war es eben ein böses Erwachen, das dieses neue Jahrhundert seinen Zeitgenossen bescherte.

2.  Quellenangaben

T. S. Eliot: Das öde Land. Englisch und deutsch. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Norbert Hummelt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 71 Seiten, 16,80 Euro

Der Kommentar ist entlehnt  dem Beitrag von Eberhard Falcke aus http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/894008/

Biografische Information zu Eliot nach http://de.wikipedia.org/wiki/T.S._Eliot



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